
Neurodermitis ist mehr als eine Hauterkrankung. Der ständige Juckreiz, schlaflose Nächte und sichtbare Ekzeme wirken sich häufig auch auf die Psyche aus. Viele Betroffene entwickeln im Laufe der Erkrankung Ängste, Depressionen oder ein geringes Selbstwertgefühl – seelische Narben, die für andere unsichtbar sind und deshalb häufig unterschätzt werden. Um Betroffenen umfassend zu helfen, braucht es daher nicht nur Unterstützung für die Haut, sondern auch für die Psyche.
Es juckt wie die Hölle, die Haut schuppt und schmerzt. Diese Symptome sind typisch für atopische Dermatitis, auch bekannt als Neurodermitis. Die immunologische Krankheit ist die häufigste chronisch entzündliche Hautkrankheit. Etwa 2 bis 7 % der Erwachsenen und bis zu 20 % aller Kinder sind davon betroffen – Tendenz steigend.1
Die Seele leidet mit
Was dabei oft übersehen wird: Neurodermitis betrifft weit mehr als die Haut. Neben den sichtbaren Symptomen leiden viele Patient*innen unter erheblichen seelischen Belastungen.
Die ständige Auseinandersetzung mit der Erkrankung und die Sichtbarkeit der Ekzeme nach außen können das Selbstwertgefühl mindern, soziale Kontakte beeinträchtigen und Ängste sowie Depressionen begünstigen. Der quälende Juckreiz kann darüber hinaus den Schlaf stören. Betroffene fühlen sich deshalb oft müde und erschöpft.
Psychische Erkrankungen
Studien zeigen: Das Risiko einer psychischen Erkrankung ist bei Menschen mit Neurodermitis bis zu doppelt so hoch wie bei Nicht-Betroffenen.2,3 Drei von vier entwickeln Depressionen, mehr als die Hälfte leidet unter Angststörungen und rund 60 % kämpfen mit Schlafproblemen.4
Schlaflose Nächte
Denn besonders in der Nacht wird der Juckreiz zur Qual. In der Stille fehlt jede Ablenkung, die Aufmerksamkeit richtet sich voll auf die betroffenen Hautstellen. Hinzu kommt, dass die Körpertemperatur in der Nacht ansteigt – diese Wärme und Schwitzen reizen die Haut zusätzlich. Gleichzeitig erreicht der natürliche Kortikosteroid-Spiegel seinen Tiefstwert, wodurch die entzündungshemmende Wirkung eingeschränkt ist.5
Gefährlicher Teufelskreis
Was mit entzündeter, juckender Haut beginnt, kann schnell einen Teufelskreis in Gang setzen: Die Nächte werden zur Qual, erholsamer Schlaf bleibt aus. Die Erschöpfung bietet den perfekten Nährboden für Ängste, Depressionen und psychischen Stress. Dieser kann wiederum die Entzündungsaktivität verstärken und neue Neurodermitisschübe auslösen oder bestehende verschlimmern.
Druck von außen
Sichtbare Ekzeme erhöhen auch wieder den psychischen Druck. So entsteht ein Kreislauf, aus dem Betroffene allein nur schwer ausbrechen können.
„Wir sprechen oft nur von den sichtbaren Begleiterkrankungen wie Allergien oder Asthma – doch die Neurodermitis geht auch mit einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen einher, auch das ist ein relevantes Thema“, erklärt Dr. Max Tischler, Dermatologe aus Deutschland.
Kinder mit Neurodermitis
Neurodermitis beginnt oft schon im Kindesalter – und hinterlässt auch hier emotionale Spuren. Studien belegen, dass Kinder mit schwerer Neurodermitis bis zu viermal häufiger an Depressionen und Angststörungen erkranken als Altersgenossen ohne Erkrankung.6 Rückzug, Stimmungsschwankungen oder übermäßige Sorgen können erste Warnsignale sein.
Belastung für die ganze Familie
Doch nicht nur die Kinder leiden. Auch ihre Eltern geraten oft an ihre Grenzen: Die aufwendige tägliche Hautpflege, wiederkehrende Arzttermine und schlaflose Nächte zehren an den Kräften. Für viele Familien bedeutet das eine enorme emotionale und organisatorische Belastung, die den familiären Alltag stark einschränken kann.
Sprechen wir darüber!
Der wichtigste Schritt, um die psychische Belastung durch Neurodermitis in den Griff zu bekommen, ist, sie überhaupt anzusprechen und sichtbar zu machen. Nur so können sich Betroffene verstanden fühlen und echte Unterstützung erfahren.
Wenn es Menschen mit Neurodermitis psychisch nicht gut geht, ist es wichtig, das frühzeitig mit einer Ärztin oder einem Arzt zu besprechen, um mögliche psychische Begleiterkrankungen abzuklären und eine ganzheitliche Behandlung einzuleiten.
Tipps für den Umgang mit psychischen Belastungen
Im Alltag können verschiedene Strategien helfen, den psychischen Druck zu lindern: körperliche Aktivitäten, Entspannungsübungen oder der Austausch mit anderen Betroffenen geben Kraft und stärken das Selbstwertgefühl.
Hau(p)tsache unter Kontrolle
Wer das Gefühl hat, dass die Neurodermitis nicht ausreichend unter Kontrolle ist, sollte das unbedingt mit seiner Dermatologin oder seinem Dermatologen besprechen.
Denn auch wenn Neurodermitis nicht heilbar ist, lässt sich die Krankheit mit einer individuellen Therapie gut managen und die Lebensqualität deutlich steigern.
Individuelle Therapie für mehr Lebensqualität
Eine Kombination aus äußerlicher Behandlung mit Salben oder Cremes, modernen systemischen Therapien, sowie ergänzenden Maßnahmen wie Entspannungsübungen kann dabei helfen, Körper und Seele gleichermaßen zu entlasten.
Vertiefende Informationen zu diesem Thema sowie praktische Tipps und Anregungen bieten www.meinehautgesundheit.at und www.hautinfo.at.
Referenzen
- Univ.-Prof. Dr. Elisabeth Riedl, Therapie-Update zur atopischen Dermatitis, 2024 (https://www.springermedizin.at/andere-formen-von-dermatitis/altersspezifische-erkrankungen-der-haut/therapie-update-zur-atopischen-dermatitis/26951980).
- Cao L et al. J Paediatr Child Health 2024; 60: 640-647.
- Long Q et al. PLoS One 2022; 17:e0263334.
- Girolomoni G et al. Dermatol Ther (Heidelb) 2021; 11:117–130.
- https://www.leben-mit-neurodermitis.info/schlafen-mit-neurodermitis/.
- Yaghmaie P et al. J Allergy Clin Immunol 2013; 131:428–433.